Gefangen in der Wutfalle

 

 

Ein Satz, den wir von niemandem gerne hören, aber schon gar nicht von unseren eigenen Kindern. „Mama, Du bist schxxxx.“ Diese drei Worte durfte ich in der letzten Woche hintereinander gereiht bestimmt 10x am Stück von Charlotte hören. Dabei noch ein lautes Stampfen mit dem rechten Fuß auf den Boden. Und im ersten Moment, ja, da dachte ich, mich tritt ein Pferd und im nächsten Moment Bloß nicht lachen, das macht alles nur noch schlimmer.

 

 

Situationen, die wir Eltern gerne unter den Teppich kehren oder direkt verschweigen, weil sie „peinlich“ sind. Situationen, „die uns doch nicht passieren„. Oder doch? Warum sollte mir als Mutter diese Situation überhaupt peinlich sein? Etwa vor den anderen Leuten? Weil ich denke, etwas falsch gemacht zu haben, wenn meine vierjährige kleine Tochter mir ins Gesicht sieht und diese harten Worte zu mir sagt? Weil ich Angst habe, man könnte über uns denken, dass unsere Kinder keine richtige Erziehung genießen? Blödsinn. Viel mehr stellt sich mir die Frage: Warum überhaupt hat Charlotte gerade das Gefühl mich so verletzen zu müssen? Was ist gerade in den letzten 10 Minuten verkehrt gelaufen und wie kommen wir aus dieser schwierigen Situation gemeinsam jetzt wieder heraus? Vielleicht habt Ihr Euch das in einer ähnlichen Situation auch schonmal gefragt.

 

 

 

 

 

 

Ich werde Euch heute von diesem Moment in der letzten Woche, der mich lange beschäftigt hat, genauer berichten und Ihr erzählt mir gerne, ob Ihr schon Ähnliches erlebt habt, ob Ihr anders reagieren würdet als ich oder was Ihr denkt.

 

 

 

 

 

Außentemperatur 34 Grad steigend. Sonne Pur. Sommer. Die beiden Planschbecken im Garten waren mit frischem Wasser gefüllt und warteten förmlich auf ihre kleinen Gäste nach der Schule und dem Kindergarten. Ich habe mich auf den Nachmittag gefreut, auch wenn ich wusste, dass es anstrengend wird. Sobald Wasser (wenn auch nur in einem Babyplanschbecken) im Spiel ist, sind alle meine Sensoren auf Alarmbereitschaft gepolt.

 

 

Der Große hatte Jungsbesuch und Charlotti hat mich nach dem Kindergarten dazu überredet, ihre Freundin auch noch mitzunehmen. Das heißt, sechs kleine schwitzende Kinder, von denen zwei, Theresa und Johann noch die RundumdieUhr-Betreuung brauchen. Puhhhh, mir lief der Schweiß förmlich den Rücken herunter. Aber mir war es wichtig, dass die Kinder Spaß haben und sich wohl fühlen. Weil Charlotties Freundin so spontan mitgekommen ist, hatte sie natürlich keinen eigenen Badesachen dabei und eigentlich rennen die Kleinen bei uns im Garten meistens auch ganz ohne rum. Jetzt schämen sich Jungs und Mädchen dann aber doch ab einem gewissen Alter schon (offensichtlich geht das zum Ende der Kindergartenzeit bei uns los) etwas, so dass wir auf Badesachen bei den vier Großen angewiesen waren.

 

 

Kein Problem, wenn ich an den Kleiderschrank unserer Töchter denke. Badeanzüge in Hülle und Fülle. Ein Badeanzug (der Lieblingsbadeanzug von Charlotte) ist sogar in doppelter Ausführung vorhanden. Das war Charlotte nur offensichtlich nicht mehr ganz klar. Genau diesen (ganz wichtig:) rosa Badeanzug mit Schleifchen, Streifen und Punkten hatte sich ihre Freundin auch ausgesucht. Und Charlotti sowieso. An diesem Punkt nahm das Schicksal seinen Lauf. Gerade war ich dabei ihrer Freundin den Badeanzug zu geben, da riss Charlotte ihn mir wieder aus der Hand und schrie: N.E.I.N. – N.E.I.N. DAS ist mein Badeanzug. Nicht.

 

A. bekommt meinen Badeanzug nicht. Das ist meiner.

 

 

STOPP, habe ich versucht dazwischen zu gehen, mehrfach habe ich wortwörtlich zu Charlotte gesagt: Du hast den Badeanzug doch noch einmal. Ihr könnt ihn beide anziehen. Doch meine Schlichtungsversuche verschlimmerten die ganze Situation noch. Gleichzeitig habe ich mich gefragt, wie so ein Verhalten bei einem Mädchen, das noch drei weitere Geschwister hat, überhaupt passieren kann. Aber glaubt mir, offensichtlich hat das nicht unbedingt immer mit der Anzahl der Geschwister zu tun. Ihre Alarmglocken waren bereits auf dunkelrot gestellt. Ihr Verhalten wurde immer wilder, sie schrie mich und ihre Freundin an, merkte gar nicht mehr, wie sich auch alle anderen Kindern um sie herum sammelten.

 

N.E.I.N. schrie sie weiter und als ich einen der beiden Badeanzüge ihrer Freundin in die Hand drückte schrie sie mich noch lauter an: Du bist schxxxx. DU BIST SCHXXXX. Die Augen füllten sich in diesem Moment mit dicken Tränen und ich kam absolut gar nicht mehr an sie heran. Sie fing an um sich zu schlagen, zu treten, zu kneifen und wurde immer wilder. Selbst als ihre Freundin dann zu mir sagte: Was hat Charlotte denn? So kenne ich sie ja gar nicht. Es ist doch nur ein Badeanzug. Von mir aus darf sie ihn gerne haben. So niedlich diese liebe Art. Und es hat mich noch einmal darin bestätigt, dass Charlotte wirklich ganz ohne es zu wollen, jetzt gerade in einen Wutstrudel geraten ist und nicht mehr weiß wie sie dort hinauskommt. Sie braucht meine Hilfe.

 

 

Sie tat mir so leid. Und am Anfang hat sie auch nichts zugelassen. Meine Worte hat sie unterdrückt mit ihren Schreien, meinen Blicken ist sie nur noch ausgewichen. Ich glaube unterbewusst hat sie bereits mitbekommen, dass sie sich gar nicht so aufregen braucht. Aber von alleine schafft sie es einfach nicht die Wut zu brechen, wieder sie selbst zu werden und sich zu finden. Für einen Moment habe ich sie gelassen, habe sie völlig ihren Schreien und ihrer Wut überlassen. Was bleibt mir auch übrig. Meine Nähe hat sie (noch) nicht zugelassen. Selber Schreien macht alles noch viel viel schlimmer.

 

Nach ein paar Minuten habe ich einen weiteren Versuch gewagt. Ich habe alle schaulustigen kleinen Gäste weggeschickt und mich auf ihre Höhe hinuntergebeugt. Das mache ich eigentlich immer, wenn es mir wichtig ist, dass die Kinder mir auch zuhören. Doch ich habe in diesem Moment nichts gesagt. Ich habe ihr gar nicht mehr versucht zu erklären, dass die ganze Aufregung überhaupt nichts wert ist, weil sowohl sie als auch ihre Freundin den gleichen Badeanzug tragen könnten. Doch es ging schon lange nicht mehr einfach nur um den rosa Badeanzug. Wir haben uns angesehen, ich habe die Verzweiflung in ihren Augen gesehen und ich habe einfach nur meine Arme geöffnet, in die sie dann mit einem großen Schluchzer hineingefallen ist.

 

 

Die Erleichterung, die in diesem Moment von ihren Schultern und auch von meinen gefallen war, konnte man bestimmt draußen noch hören. Wir haben gar nicht viel gesagt. Sie sah mich lediglich an und sagte: „Entschuldigung, Mama.“ Ein ehrliches und liebendes Entschuldigung.

 

 

Der Wutstrudel war durchbrochen und der Tag ging von diesem Moment an, wie geplant weiter ;-).

 

 

Als kleine Anmerkung sei gesagt, dass Charlotti bislang als Einzige den Hang zu so einem Verhalten hat und sich in bestimmte Situationen, die sie für sich anders interpretiert hineinsteigert. Doch der kleine Johann, scheint mir da ganz ähnlich zu sein. So ist jedes Kind eben anders und das ist auch gut so. Das Wichtigste ist, dass wir als Eltern nicht mit in diesen Wutstrudel geraten und einen kühlen Kopf bewahren.

 

 

 

Kennt Ihr ähnliche Situationen? Habt Ihr Geschichten, die Ihr mir zu diesem Thema erzählen könnt?

 

 

 

 

Ich freue mich von Euch zu hören.

Eure Alexandra

 

 

4 thoughts on “„Mama, Du bist schxxxx“ // Wie wir unseren Kindern liebevoll aus dem Wutstrudel wieder heraushelfen können”

  1. Bis jetzt blieben wir eigentlich immer verschont, aber manchmal bricht auch bei meinem kleinen Sohn der Wüterich aus ihm heraus. Oft ist es so, dass er dann zu mir kommt und sagt, das hört garnicht mehr auf. Ich weiß, dass er es manchmal garnicht möchte, es aber einfach aus ihm herausbricht. Das tut einem unsagbar Leid und so nehme ich ihn in die Arme, beruhige ihn mit Worten des Verstehens und schicke den Wüterich damit einfach fort.

    1. Ja, die Erfahrung habe ich auch gemacht. Zurückschreien bringt da gar nichts. Arme öffnen und Trösten. Denn die Kleinen wissen glaube ich selbst nicht so recht, was da gerade in ihnen vorgeht.

      Liebste Grüße,
      Alex

  2. Ich kenne es von meiner mittleren als sie ca 4 Jahre alt war. Bei uns war es das Trennungsjahr und somit sehr schwer für sie. Aber auch ich bin der Meinung als eltern ruhig zu bleiben und dem Kind danach entgegen kommen ist sehr wichtig. Manchmal fällt es einem auch nicht leicht, da die kleinen einen auch verletzen können mit ihren Worten. Aber du hast das schön geschrieben und genau richtig reagiert ? LG

    1. Oh ja, Du hast vollkommen recht. Die Kleinen können einen wirklich mit den Worten verletzen. Und das merken sie auch und fühlen sich wahrscheinlich noch schlechter deswegen. Umso wichtiger ruhig und tröstend zu bleiben. Während einer Trennung kochen wahrscheinlich noch ganz andere Emotionen hoch, was? Das ist nicht leicht.

      Liebe Grüße und danke für Deinen netten Kommentar,
      Alex

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