Im Rahmen meiner ehrenamtlichen Tätigkeiten war ich am Wochenende bei einer Schulung zum Thema Prävention Gegen Sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen.

Auch für mich kein alltägliches Thema und vor allem kein schönes Thema. Aber: ein durchaus wichtiges Thema, wenn nicht sogar eins der wichtigsten Themen unserer Zeit. Was hat sich geändert? Hat sich überhaupt etwas geändert zu früher? Gab es damals, als ich klein war, schon so viele Kinder und Jugendliche, die sexualisierter Gewalt (übrigens insbesondere im eigenen zu Hause) ausgesetzt sind? Oder wurden noch viel mehr Fälle einfach vertuscht als heute?

Ich möchte einfach mal mit ein paar harten Fakten beginnen, um Euch zu fokussieren, um Euch klar zu machen, wieviele Kinder und Jugendliche betroffen sind und wieviele Menschen in einem großen Saal auf einmal aufstehen müssten, wenn wir nur alleine der Statistik glauben schenken müssen.

Für das Jahr 2017 in Deutschland wurden über 12.000 Ermittlungs- und Strafverfahren allein nur für sexuellen Kindesmissbrauch verzeichnet.

75 Prozent dieser Verfahren betrifft Mädchen und 25 Prozent der Verfahren betrifft Jungen.

Zu diesen Fällen kommen noch die Fälle von „sexuellem Missbrauch von Schutzbefohlenen und Jugendlichen sowie etwa 8.000 Fälle wegen sogenannter Kinder- und Jugendpornografie.“

Und wir sprechen noch nicht über die Dunkelziffer……diese ist weitaus größer.

Gemäß der Weltgesundheitsorganisation (WHO) dürft ihr davon ausgehen, dass in Deutschland jährlich etwa 1 Million Mädchen und Jungen sexueller Gewalt durch Erwachsene ausgeliefert sind.

Das entspricht etwa 1-2 Schülern in jeder Schulklasse. War Euch das bewusst? Mir ehrlichgesagt nicht. Und es hat mich schockiert, es macht mich traurig, wütend, aber auch hilflos. Darum möchte gerne mit Euch mein Wissen teilen, wie auch Ihr sexuelle Gewalt besser erkennen könnt und vorallem was Ihr tun könnt.

In den wenigsten Fällen handelt es sich bei den Straftaten um den „klassischen bösen dunklen Mann“, der im Park hinter einem Busch auf die Kinder wartet – natürlich gibt es auch den in selteneren Fällen- . Es handelt sich aber vielmehr, zu den größten Teilen um Täter aus der eigenen Familie, aus dem direkten Umfeld und um Täter aus dem näheren Bekanntenkreis (Familienmitglieder, Nachbarn, Freunde etc.). Menschen, denen wir denken vertrauen zu können und die dieses Vertrauen schamlos ausnutzen. 

Was die Täter betrifft, so handelt es sich bei etwa 80 % bis 90 % der Fälle um Männer und männliche Jugendliche. Aber auch an dieser Stelle möchte ich noch einmal betonen, dass auch Frauen gewalttätig gegenüber Kindern und Jugendlichen sind. Frauen üben wahrscheinlich einfach anders die Gewalt gegenüber ihren Kindern aus. Sie haben ein anderes Machtempfinden und üben ihre Macht in anderer Form auf die Kinder und Jugendlichen aus. Dennoch ist es harte Tatsache, dass es sich bei sexuellen Übergriffen in den meisten Fällen um Männer handelt.

Ich möchte langsam anfangen, denn es gibt ja nicht nur das Schlimmste und Äußerste, über das wir uns Gedanken machen sollten. Denn auch schon lieb gemeinte Gesten oder Angewohnheiten, wie einem befreundeten Kind über die Wange zu streicheln oder in die Jacke zu helfen, können Grenzverletzungen darstellen.

„Jetzt geht´s aber los“, habe ich in der Fortbildung gedacht. Was darf ich denn dann überhaupt noch??? Tröstende Umarmungen oder ein kleines Mädchen auf den Schoß nehmen, wenn es sich weh getan hat, soll ich unterlassen?

Nein, natürlich nicht. Wir sollten einfach nur sensibilisiert sein, dafür, dass Kinder vielleicht in den meisten Momenten einfach den Mund halten und Taten stumm über sich ergehen lassen, die sie eigentlich gar nicht möchten. Nähe, die sie von dieser für sie fremden Person eigentlich gar nicht zulassen wollen.

Kurzes Bespiel was mir eingefallen ist aus meiner eigener Kindheit (vielleicht habt Ihr ja noch ganz andere Besispiele):

Zum Spielen war ich oft bei meiner kleinen Freundin ein paar Straßen weiter. Eine ganze liebe vierköpfige Familie. Und der Vater dieser kleinen Freundin hat mir jedes Mal, wenn er mich gesehen hat, so feste in die Wange gekniffen, nur um mir zu zeigen, dass er mich mag (oh man, das klingt absurd, oder?), dass ich am Ende gar nicht mehr zu meiner Freundin zum Spielen wollte. Ich habe regelrecht gehofft, dass dieser Mensch nicht da ist, um mich zu begrüßen. Aber ich hätte mich nie nie nie im Leben getraut ihm zu sagen, dass mir das weh tut, dass er mit seinem mir in die „Wange-Gekneife“ eine Grenze überschreitet. Eine unsichtbare Linie, die er nicht beachtet hat.

Kinder haben Rechte genau wie wir Erwachsenen auch, nur brauchen sie öfter Hilfe von uns, um ihre Rechte auch durchsetzen zu können:

Die folgenden Kinderrechte wurden 1990 in Rahmen der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen in Kraft gesetzt.

  • Kinder und Jugendliche haben das Recht auf gleiche Chancen und Behandlung.
  • Kinder und Jugendliche haben das Recht, gesund aufzuwachsen und alles zu bekommen, was sie für eine gute Entwicklung brauchen.
  • Kinder und Jugendliche haben das Recht, das zu lernen, was sie zum Leben brauchen.
  • Kinder und Jugendliche haben das Recht auf Erholung, Freizeit und Ruhe.
  • Kinder und Jugendliche haben das Recht auf beide Eltern und ein sicheres Zuhause.
  • Kinder und Jugendliche haben das Recht auf eine Privatsphäre und Respekt.
  • Kinder und Jugendliche haben das Recht, ohne Gewalt aufzuwachsen.
  • Kinder und Jugendliche haben das Recht, gut betreut und gefördert zu werden.
  • Kinder und Jugendliche, die vor Krieg und Gewalt in andere Länder fliehen müssen, haben das Recht auf ganz besonderen Schutz.
  • Kinder und Jugendliche haben das Recht, ihre Meinung zu sagen. 

Aber was können und vorallem sollten wir jetzt tun? Was ist richtig, was ist falsch? Denn auch zu viel tun wollen, könnte dem betroffenen Kind schaden.

Wenn Euch also wirklich mal ein Kind ins Auge fällt, bei dem Ihr irgendwie ein komisches Gefühl habt. Hört auf Euer Gefühl. Sei es aufgrund der Wortwahl oder eines Gesprächs mit dem Kind. Oder sei es aufgrund körperlicher Beschwerden (Schmerzen, blaue Flecken oder Ähnliches) beim Kind. Zeichen können z.B. auch Schlafstörungen, geringes Selbstwertgefühl, Aggressionen, antisoziales Verhalten, Hygienemangel oder Sprechstörungen sein (Achtung: all diese Anzeichen müssen aber nicht ausschließlich für sexualisierte Gewalt sprechen – es können auch ganz andere Ursachen zu Grunde liegen {Umzug, Streit mit den Eltern, Scheidung etc.}).


Dann, bitte, überstürzt erst einmal nichts. Beobachtet und kommt vielleicht mit dem Kind ins Gespräch. Seid ein zuverlässiger Gesprächspartner und ganz wichtig, wenn Euch das Kind etwas Intimes erzählt hört zu und das Allerwichtigste: Glauben schenken

Egal wie schräg, durcheinander oder vielleicht auch unglaubwürdig die Geschichte klingt. Ihr müsst dem Kind Glauben schenken. Denn es wird bestimmt irgendetwas dran sein.

Und: Stellt niemals die „Warum-Frage„, Bsp.: „Warum bist du denn nicht einfach weggelaufen?“, „Warum hast Du denn nicht viel eher schon etwas gesagt?“ etc. Diese Fragen bringen Dich nicht weiter und vorallem, die Kinder können sie nicht beantworten.

Stellt vielmehr Offene Fragen, wie z.B. Wann? Wer? Wo?

Versucht das Kind davon zu überzeugen, dass es keine Schuld trägt. Du trägst keine Schuld.

Ganz ganz wichtig: dokumentiert Euer Gespräch. Das könnte in einem möglichen späteren Strafverfahren sehr wichtig sein (Datum, Uhrzeit, Situation und Fakten).

Für Euch als „Eingeweihter“ und „Mitbetroffener“ ist auch ganz wichtig: Holt Euch selbst Hilfe. Es gibt reichlich Anlaufstellen in jeder Stadt, die auch mit den Jugendämtern direkt zusammenarbeiten und diese Arbeit tagtäglich machen. Ich glaube das Schlimmste ist mit diesem Wissen leben zu müssen und sich zu überlegen, wie gehe ich weiter vor. Auf gar keinen Fall solltet Ihr irgendwelche Alleingänge durchführen. Im Zweifel schadet Ihr dem Kind nur noch mehr und könnt es dann gar nicht weiter schützen.

Falls natürlich akute Gefahr besteht solltet Ihr direkt die Polizei anrufen. In allen anderen Fällen ist Fingerspitzengefühl und Bedacht gefordert. Auch wenn Ihr wisst, das Kind geht jetzt erst einmal wieder zurück und könnte weiter misshandelt werden. Ihr holt Euch natürlich direkt professionelle Hilfe und Beratung. Diese Menschen kümmern sich weiter um alles andere. Sie wissen was zu tun ist und schalten, wenn nötig auch direkt das Jugendamt ein.

Wichtige Links:

  • www.beauftragter-missbrauch.de
  • www.hilfeportal-missbrauch.de
  • www.ajs.nrw.de
  • www.innoceneindanger.de
  • www.klicksafe.de
  • www.trau-dich.de
  • www.maedchenhaus-bielefeld.de/gewalt.html
  • www.missbrauch-verhindern
  • www.zornröschen.de/de/nordrheinwestfalen
  • www.zartbitter.de
  • www.wildwasser.de

Bitte verbreitet gerne diesen Text und seid aufmerksam. Geht mit offenen Augen durch die Welt und schenkt Euren Kindern Euer Gehör.

Kinder haben das Recht ohne Gewalt aufzuwachsen.

Eure Alexandra




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