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„Stell Dir vor es ist Schule und jeder will hin.“

Im Jahr 1987 wurde ich eingeschult. Bei uns im Dorf gab es keine große Auswahl an Grundschulen und eine Waldorfschule schon mal gar nicht. Ich glaube, unter uns gesagt, dass meine Eltern zu diesem Zeitpunkt auch noch gar nicht groß davon gehört hatte. Gerade einmal zwei meiner Freundinnen, die in anderen Städten lebten, gingen in den nächsten Jahren auf Waldorfschulen. Wie Ihr wisst, hat auch unser erstes Schulkind auf einer staatlichen Schule begonnen. Die Gründe für unseren Wechsel könnt Ihr bei Interesse auch gerne noch einmal hier nachlesen. Mittlerweile geht auch unsere Tochter zur Freien Waldorfschule und wir sind immer noch oder „immer mehr“ von dieser Entscheidung überzeugt. Auch unsere Kinder zählen heute bei uns im Freundeskreis in der Stadt, in der wir leben, eher zur Minderheit mit dem Besuch der Freien Waldorfschule. Immer noch ein wenig „exotisch“ sich als Waldorfschüler oder Eltern eines Waldorfschülers zu bezeichnen. Dennoch ist es erstaunlich welche Bewegung sich gerade in Gang setzt und wieviele Nachfragen wir zum Leben und Lernen an unserer Waldorfschule erhalten. Die allgemeine Unzufriedenheit an staatlichen Schulen trägt sicher dazu bei, den Wechsel oder die direkte Aufnahme an eine Waldorfschule für sich zu entscheiden. Ein Schulleben, das so anders, so kreativ, so zuverlässig und auch so erfolgreich ist.

Auf Initiative des Eigentümers der Zigarettenfabrik Emil Molt, wurde die erste Waldorfschule im Jahre 1919 in Stuttgart eröffnet. Rudolf Steiner als pädagogischer Leiter sorgte in einem 14-tägigen Kurs dafür, dass die Gründungslehrerinnen- und Lehrer menschenkundlich und didaktisch auf den Unterricht vorbereitet sind. Dennoch war gerade die Anfangszeit wohl eher ein gemeinsames Lernen von Lehrern und Schülern. Die Idee der weltweiten Schulbewegung verbreitete sich ziemlich schnell. 1923 eröffnete bereits eine Waldorfschule in Den Haag, 1925 in London und 1928 sogar in New York. Keine 10 Jahre nach Gründung überschritten die Waldorfschulen also die europäischen Grenzen. Heute gibt es weltweit rund 1200 Waldorfschulen sowie 2000 Waldorfkindergärten in 80 verschiedenen Ländern in der ganzen Welt verteilt.

Der Wunsch nach einer respekt- und liebevollen Pädagogik, die dennoch nicht weniger erfolgversprechend ist, wie die der staatlichen Schulen – im Gegenteil – wächst weiter.

100 Jahre Waldorfschule – Lern To Change The World

Das ganze Jahr 2019 steht unter dem Motto des 100-jähirgen Jubiläums der Waldorfschulen. Die ganze Welt feiert und Ihr habt sicherlich auch schon den ein oder anderen Bericht in Funk und Fernsehen mitbekommen. Seit einiger Zeit gibt es zahlreiche Aktionen an allen Waldorfschulen, um eben diese weltweite Vernetzung noch besser zum Ausdruck zu bringen. Bereits im Frühjahr 2017 z.B. wurde eine große Waldorf-Postkarten-Aktion in Gang gebracht. Viele individuelle Postkarten im Waldorfschulnetz wurden global geschrieben und verschickt. Jede Waldorfschule erhielt 1200 Blanko-Postkarten, die lediglich mit den Adressen der anderen Waldorfschulen versehen waren. Die Postkarten wurden bunt und liebevoll gestaltet von den Schülern der einzelnen Schulen und an die anderen Waldorfschulen in der ganzen Welt versendet. Bei uns in der Freien Waldorfschule in Gladbeck stehen vorne im Eingangsportal zwei Stellwände, auf denen die zahlreichen Postkarten, die uns bereits erreicht haben, ausgestellt sind. Spannend zu entdecken, wo die Waldorfschule überall vertreten ist. Auf diese Weise wurde bereits im Vorfeld das Gemeinschaftsgefühl der Waldorfschüler nachhaltig gestärkt, was ich richtig toll finde und vor allem auch ziemlich beeindruckend von wo wir überall Post erhalten haben. Und wer weiß, vielleicht entstehen auf diesem Wege ja sogar neue Freundschaften über Landesgrenzen hinaus.

Des Weiteren gab es den „Lauf um die Welt„. Das war das Sportprojekt von Waldorf 100, das am 10. Juni 2018 in Flensburg startete. Viele Schülerinnen und Schüler sind in Deutschland mit ihrer Staffel unterschiedliche Routen gelaufen. Sie wollten möglichst viele Spenden für „förderungswürdige“ Waldorfprojekte in der ganzen Welt einnehmen. Von Nord nach Süd, von Ost nach West wurde der Sportgeist der jungen Schülerinnen- und Schüler geweckt. Auch hierbei war die Kreativität an manchen Stellen gefragt.

Am Waldorf 100-Staffellauf darf jeder teilnehmen, egal ob Schüler*innen, Eltern oder Lehrer*innen. Da die Streckenabschnitte unterschiedliche Distanzen aufweisen, gelten auch andere Fortbewegungsmittel als die eigenen Füße, also zum Beispiel Fahrräder, Einräder, Inline-Skates, Pferde oder Boote.

Bei uns an der Freien Waldorfschule in Gladbeck gab es im Juni dann ein großes Sommerfest, das ganz im Zeichen von Waldorf 100 stand. Es gab zahlreiche Stände, Aktionen und Entdeckungsmöglichkeiten, die an die weltweite Vernetzung der Waldorfschulen erinnern sollten. Jede einzelne Klasse vertrat ein anderes Land und hat im Vorfeld nicht nur große Flaggen bemalt sondern sich auch anderweitig Informationen zum jeweiligen Land eingeholt. Landesspezifische Speisen, Bräuche und Spiele für Kinder wurden an unserem großen Sommerfest erfolgreich vorgestellt. Es war ein bunter, mit Leben gefüllter Tag und die Vielfalt der Länder spiegelte sich an einzelnen Ständen der Klassen wider. Es war ein unglaublich schöner Tag. Unsere eigenen Klassen, damals noch Klasse 1 und Klasse 3 haben Afrika und die Türkei vertreten. Glücklicherweise hatten wir Eltern aus den jeweiligen Ländern in unseren Klassen vertreten, die im Vorfeld freundlicherweise bereits mit den Kindern und den Lehrern eine kleine „Reise“ dorthin unternommen haben. Sie haben den Kindern erzählt, Bilder gezeigt und sogar landestypische Musik vorgespielt. Das war wirklich für die Kinder und auch für die Lehrer ein unvergessliches Erlebnis.

Wir hatten z.B. für die Türkei einen türkischen Vater, der den Nachmittag über immer wieder einmal die türkische Saz gespielt hat und die Klänge waren weit über unseren Stand hinweg zu hören. Außerdem bereiteten die Mütter und Väter jeweils landesspezifische Speisen und Getränke vor, so dass wir bei bestem Wetter eigentlich den ganzen Tag über eine Reise von Stand zu Stand und von Land zu Land unternommen haben.

Das Highlight für mich persönlich kam dann jetzt noch dazu. Am 19. September durfte ich teilhaben am großen Waldorf 100 Festival im Tempodrom Berlin. Das Festival (ausverkauft) war ein riesen Erfolg und mehr als beeindruckend. Das Programm stand bereits länger fest. In drei großen Teilen „See the World„, „Love the World“ und „Change the World“ wurde durch den Tag geführt.

See the World

Waldorf war gut für mich und so ein bisschen wär auch gut für Dich.“

Der erste Teil „See the World“ fand vormittags stand und wurde größtenteils von Schülern und Schülerinnen verschiedener Waldorfschulen vorbereitet. Sie führten musikalisch und bunt durch die unterschiedlichen Kulturen der Welt und nahmen die Bühne für sich ein. Mit einem großen Finale endete dieser Teil und ich muss sagen, dass ich schon ziemlich beeindruckt war. Schwierig diese Gefühle und Emotionen wiederzugeben, wenn man nicht selbst dort war. Die Schülerinnen und Schüler haben das Tempodrom auf jeden Fall gut in Stimmung gebracht.

Wenn ich Euch jetzt neugierig gemacht habe oder Ihr auch so gerne dabei gewesen wärt, dann habt Ihr glücklicherweise die Möglichkeit Euch das Festival noch einmal auf YouTube ansehen.

Love the World

Im zweiten Teil „Love the World“ gab es in der großen Arena des Tempodroms verschiedene Impulse, Blitzlichter und Kurzvorträge von verschiedensten Persönlichkeiten, die aber alle „Waldorf“ als gemeinsamen Nenner haben. Da war z.B. der ehemalige Waldorfschüler und Motivation Janis McDavid, der in einem ziemlich emotionalen und ergreifenden Kurzvortrag deutlich gemacht hat, dass alles erreicht werden kann, wenn nur die richtige Einstellung zum Leben da ist. Ohne Arme und Beine geboren zu werden, können sich wohl die meisten von uns nicht vorstellen. Janis McDavid schon. Er ist irgendwann an einem Punkt in seinem Leben angekommen, wo er sein Leben selbst in die Hand genommen hat. Keine Hürde ist zu hoch, keine Grenze zu lang, was er sich in den Kopf setzt, schafft er auch. Sehr spannend finde ich seinen „Kopfschüttler“-Index. Er sagt, je mehr die Menschen bei Deiner Idee, die Du Dir in den Kopf gesetzt hast, den eigenen Kopf schütteln und Dich fragend ansehen, desto intensiver solltest Du dieser Idee folgen.

Aber auch die anschließende Diskussionsrunde mit Henning Kullak-Ublik ging und seinen Vorstandskollegen über die sieben Kernforderungen der Waldorfpädagogik an die Bildungspolitik, war ziemlich interessant.

Weitere Redner waren Gerald Häfner, Prof. Dr. Jost Schieren, Victor Mwai Wahome und noch viele mehr.

Auch von dieser Session gibt es einen Mitschnitt auf YouTube, den es sich ganz bestimmt lohnt anzuschauen.

Change the World

Den letzten Teil des Abends, muss ich gestehen, habe ich selbst nicht live bis zum Ende mitverfolgt, aber mir im Nachhinein natürlich auf YouTube ansehen dürfen. Der Tag war einfach so aufregend und wuselig, dass ich irgendwann nur noch ins Bett wollte. Trotz alledem gab es im dritten Teil „Change the World“ ein fulminantes Finale. Der Abend wurde zum von älteren Schülerinnen und Schülern von Waldorfschulen aus China, Japan, Australien, Namibia und Europa vorbereitet und durchgeführt.

Die Eröffnungsrede des Abends hielt Nana Göbel, Waldorfpädagogin und Autorin anthroposophischer Schriften, ohne die unsere heutige Waldorfpädagogik nicht so wäre, wie wir sie heute kennen. Sie hat sich ihr ganzes Leben darum gekümmert, dass die Waldorfpädagogik „lebt“.

Im Anschluss fanden ganz hinreißende Inszenierungen und Darbietungen statt, z.B. vom Chengdu Waldorf School Recorder Orchestra aus China ein „Chinesisches Volkslied“ und „Spanischer Marsch“ sowie von der 13. Klasse der Rudolf-Steiner-Schule Hamburg-Bergstedt der 2. Satz der 7. Symphonie Beethovens oder auch Highlights aus dem Musical „Les Miserable“, gespielt von Solisten und dem Chor der Vrije Theaterschool Den Haag.

Ihr werdet sicher beim „Hineinblicken“ auf YouTube „hängenbleiben“, denn das was an diesem Tag in Berlin im Tempodrom geboten wurde, war mehr als eindrucksvoll.

Neben den ganzen Bühnenauftritten fand aber auch, nicht nur während der Vorstellungen, viel draußen vor dem Tempodrom statt. Verschiedene „Markt-Zelte“ luden ganztags zum Stöbern ein. Die Waldorf-Jugend hatte den ganzen Tag über ein Zelt und auch bei der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft gab es Einblicke in aktuelle Studien.

Ich sage „Danke„, dass ich Teil von Waldorf 100 sein durfte und hoffe, Euch doch einige Einblicke in diese bezaubernde und schillernde Welt der Waldorfschulen gegeben zu haben. Waldorf ist mehr als „nur“ eine Schule oder Ausrichtung in der Pädagogik. Waldorf ist eine Lebenseinstellung und wir leben gerne Waldorf.

Eure Alexandra

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